Mittwoch, 20. Juli 2011

Vom Überleben

Immer wieder einmal werde ich gefragt, wie ich in den schlechten Jahren im Osten klarkam: Mit dem Wissen, nie mehr eine qualifizierte Arbeit tun zu dürfen, mit der Ungewissheit, ob es nicht statt in die Freiheit erstmal in den Knast gehen würde. Statt mit Schauspielern Theaterstücke zum Leben zu bringen jobbte ich als Kellner, meine Texte, von Hand niedergeschrieben, weil ich meine alte Reiseschreibmaschine verscherbeln musste, hatten keine Chance, je veröffentlicht zu werden.

Aber eben dieses hoffnungslose Schreiben nährte – wie auch die Lektüre z.B. von Saul Bellow, James Baldwin, García Marquez - die Hoffnung. Wie viele andere “Ausgereiste” machte ich im Westen die Erfahrung, dass meine Texte kaum jemanden interessierten. Wenige gut vernetzte, von den Medien pars pro toto in die erste Reihe gestellte Autoren des Ostens sind bis heute Feigenblätter überm Desinteresse an östlichen Konflikten und Biographien.

Mauerblick

An den – inzwischen ein Vierteljahrhundert alten – Texten merke ich manchmal, wie ungelöst Konflikte, wie intransigent Grundhaltungen in meiner Biographie sind. “Gehört in ’ne Klapsmühle, der Typ”, kommentiert nicht nur der Kollege vom MfS 1987.

Abgesang

Heute will ich wieder trinken

und ich will die Schwäche feiern

dankbar lauschen, wie der Wind

wie der Regen niederprügelt

auf die brüchigen Fassaden

die für uns die Zuflucht sind.

Heute will ich wieder lachen

über alle Mauerbauer

über alle Pläneschmiede

über alle Großverdiener

und Versicherungsexperten

und die Heere ihrer Sklaven

denen ich als Narr erscheine

und ich will ihr Alptraum sein.

Will als Mehltau ihrer Wünsche

ihre Hoffnung Lügen strafen

und aus ehernen Tabellen

zitternde Fraktale treiben:

Alle Mauern werden fallen

Wind und Wolken werden bleiben.

Samstag, 9. Juli 2011

Von der Subversion

Es gibt seltsame Zusammentreffen im Leben. Fast auf den Tag genau sind es dreißig Jahre, dass mich der Intendant des Theaters der Stadt Schwedt an der Oder beauftragte, ein Programm aus Texten von Bertolt Brecht zu inszenieren. Nun bekam ich wieder einen Auftrag, mich an der Inszenierung eines literarischen Programms zu beteiligen – diesmal am Rhein. In den Texten mehrerer Autoren von Sophokles bis Tucholski geht es um Fragen der politischen Haltung, die Aufführung "Bleib erschütterbar und widersteh" richtet sich an junge Leute, die sich auf entsprechende berufliche Felder wagen wollen. Sie könnten erfahren, inwiefern das ein Wagnis, inwiefern also hierzulande persönlicher Mut gefordert ist.

Programm der Mediensommerakademie
FES

Nach 25 Jahren teils von SED und Stasi erzwungener, teils selbst gewählter Abstinenz von der Theaterregie, zwanzig Jahren journalistischer Tätigkeit entschied ich mich, es wieder einmal zu versuchen. Anders als damals, als der Staat mein Tun und Treiben getreulich überwachte, jedes politisch anstößige Wort, jede Geste auswertete, war mein Risiko gering. Schlimmstenfalls konnten sich die Studenten, Volontäre, Nachwuchsreporter und –redakteure im Saal tödlich langweilen.

Meine Rolle bei der Inszenierung war allerdings eine andere als damals. Die Aufführung bestritt ein Schauspieler-Ehepaar; sie hatten vorgearbeitet, suchten nur für die Endproben meine Unterstützung. In Schwedt war ich von der Textauswahl über die Proben – auch Gesangsproben – bis zur Premiere für alles verantwortlich, ich spielte selbst mit. Die Schauspielern schätzten das damals ungeheuer, zumal mich der Regisseur der gleichzeitig auf der großen Bühne des nagelneuen Kulturpalasts laufenden Aufführung “Schwejk im II. Weltkrieg” mit der Rolle des Gestapospitzels Bretschneider betraut hatte. Es war seinerzeit -1981 – ein völlig neues Gefühl: nach dem Studium samt quälender Diplominszenierung fühlte ich mich auf einmal in meinem Beruf uneingeschränkt wohl.

“Schwejk”-Regisseur war ein Gast vom Berliner Ensemble, nach Schwedt gekommen, weil er beim Intendanten, einem Politbüro-Kandidaten, in Ungnade war. Ich bat ihn, einen Blick auf unsere Endproben zu werfen; er gab der Geschichte einen enormen Schub, weil er unsere Intention genau verstand und teilte: die Brechtschen Texte subversiv aufzuladen. Das Programm, vom Schwedter Theaterchef geplant als kulturpolitische Pflichtübung zum 25. Todestag des Staatsdichters Brecht, zusätzlich beglaubigt durchs “Antifa”-Etikett des “Schwejk”, begann zu knistern. Brecht war nicht tot, er sprach auf sehr bissige, vergnügliche, intelligente Art gegen den Mauerstaat samt den verdorbenen Greisen im Politbüro. Das Publikum war mit ihm und uns im Bunde: Wir wollten die DDR ändern.

Dreißig Jahre danach frage ich mich, wie eine solche subversive Kraft, wie ein Bündnis mit dem Publikum heute herzustellen wäre. Was wollen wir ändern?

Viele der ungelösten Konflikte von damals sind weiterhin ungelöst. Vor allen anderen erscheint mir die Aufgabe unbewältigt, die Einzelnen im Publikum zu ermutigen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hände zu nehmen. Das kollektive Lachen, das einverständige Schweigen vorm Ungeheuerlichen, die mit Emotionen einhergehende Öffnung für Neues müssten ihre Subversion im Privaten entfalten: eine tiefe Unlust an Konformität wüchse, zugleich ein vergnügter Eigensinn.

Und weil das Denken – so meinte jedenfalls Brecht - zu den größten Vergnügungen der Menschheit gehört, muss einem dann um den Gemeinsinn nicht bange sein, in dessen Auftrag sich politischer Journalismus versteht.

Sonntag, 3. Juli 2011

Ostsee. Viele Sommer

Zwangsläufig tauchen bei der Arbeit am “Raketenschirm” die Sommer an der Ostsee auf – eine der wenigen, heiß begehrten Möglichkeiten einer Urlaubsreise in der DDR. Zeltscheine waren nur über Beziehungen oder mit viel Glück erhältlich – wir bekamen manchmal trotzdem einen. Der Strand war Grenzgebiet. An der Nordwestspitze der Insel Rügen kontrollierten – wie fast überall an der Küste – Patrouillen nachts, ob sich nicht Fluchtwillige dort aufhielten.

 

Schwedt80a

Die weißen kalten Finger dieses Landes

Greifen ins Leere – nach dem Sehnsuchtsschiff

Der Sand schluckt Sonnenwärme weg bei jedem Tritt

Die See spült höhnisch Ferne an den Strand

Und spielt mit unsrer Nähe, die hinauswill

In alle Wellen und an alle Ufer.

Dann parodiert der Mond sein eigenes Gemälde

Und tut als sei die Welt ihm völlig neu

Die Bäume rauschen Andacht und die Vögel

Sind unbekümmert ihrem Namen treu.

Du machst den Sand zu deinem Logenbruder

Zehn Schritte trennen unseren Gedankengang

Ich wünschte mir, ich wär ein kleiner Fisch

Du wärst die Möwe, ich dein leichter Fang.

 

1981