Samstag, 8. Dezember 2012

Abschiedswunsch

2012-05-17 16.34.28Weil gerade Winter ist, das Jahr zu Ende geht - das Todesjahr meiner Mutter - weil die Abschiede mehr werden: von eigenen Träumen. Vorhaben, von Hoffnungen, die einer in andere gesetzt hat, weil … das Leben immer noch das größte Geschenk ist – hier ein Text gegen den epochalen Winter*

Das Jahr meines Todes sei sonnensatt.
Mögen Menschen trinken in vollen Zügen
Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen
Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.
Wenn abends die Fische nach Süden fliegen
Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten
Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten
Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand
Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand
Wenn alle Monde sich uns vermählen
Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen
Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss
Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss
Du, meine Liebe, bist ohnegleichen
Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.
* “Der epochale Winter” ist ein Buch des Schweizers Hanspeter Padrutt aus dem Jahr 1984

Donnerstag, 22. November 2012

System

festung (20)Als der Ostblock wirtschaftlich und moralisch kollabierte, ein Reformer (der einzige) den Sturz des totalitären Sowjetimperialismus besiegelte, verfiel ein Ökonom im Westen auf die Idee, nun sei die Geschichte zu Ende, die beste aller möglichen Welten erreicht. Was für ein Schwachsinn.





Das egozentrische Weltsystem hat eine kalte Sonne
Den Lauf bestimmt ein Teufelskreis
Am Morgen Kind, am Abend Greis
Und zwischendurch sind wir im Gleis
Fühl ’n Schmerzen nicht noch Wonne.
Wir schau ’n auf das Zentralgestirn
Und werden blind dabei
Wir sind schon taub, sind noch nicht stumm
Anbetend kreisen wir und dumm
Um unseren Dutzendstern herum
Und kommen niemals frei.
Um diesen weißen Mittelpunkt
Da ist die Welt sehr leer
Da ist manch elend schwarzes Loch
Aus Angst und Lust, wir kreisen noch
Und finden uns nicht mehr.
Das egozentrische Weltsystem hat sieben harte Schalen
Darinnen sitzt ein Ich und friert
Im Frost und Frust, den’s selbst gebiert
Wenn’s auf die blanken Hüllen stiert
Und spiegelt seine Qualen.
16.7.1985

Donnerstag, 8. November 2012

Wie Wolken weiter ziehen

2012-11-08 15.57.22

Mit dem “Raketenschirm” ist die Romantrilogie “Wolkenzüge” abgeschlossen – aber der Stoff deutsch-deutscher Konflikterfahrung vor und nach dem Fall der Mauer längst nicht ausgeschöpft. Außer den Romanen “Blick vom Turm”, “Babels Berg” und “Raketenschirm” sind Theaterstücke, Erzählungen, Gedichte, Essays, Radiofeatures und Tagebücher entstanden: allesamt keine Texte zur “Vergangenheitsbewältigung”, sondern vergnügliche, widerspenstige, überraschende Versuche, sich auf die Welt von heute und morgen einzulassen – und zwar gemeinsam mit allen, die ihre Wünsche, Träume, Ängste, Erfahrungen mit denen des Autors vergleichen wollen.

Dafür eignet sich ein Weblog, wo Postings und Kommentare den direkten Dialog ermöglichen. Seien Sie willkommen, zögern Sie nicht, Ihre Meinungen, Ideen, Vorschläge hier einzubringen.

Montag, 5. November 2012

Vom Glück der Rauswürfe

Caspar_David_Friedrich_006Natürlich hatten sie vollkommen Recht, die Herren Hauptabteilungs-, Abteilungs- und der kommissarische Redaktionsleiter (er brachte es trotz wirklich beachtlicher Leistungen als Radfahrer nie zum etatmäßigen), als sie mir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Stuhl vor die Tür setzten und meinen Vertrag als “fester Freier” nicht verlängerten: einen Nörgler, Quertreiber, Nestbeschmutzer kann eine Anstalt auf dem Weg zur quotenoptimierten Stromlinienform nicht brauchen.

Das traf mich damals hart, meine Einnahmen schrumpften von 100 auf 30%, obendrein gestaltete die Anstaltsbürokratie das Ende eines solchen “Rahmenvertrags” zu einem juristisch makellos abgesicherten “Ende mit Schrecken” aus: Der Verbannte durfte von keiner anderen Redaktion des Senders beschäftigt werden – das bedeutete: zwischen Trier und Heidenheim an der Brenz, Mainz und Friedrichshafen nahm kein Hund mehr ein Stück Brot von mir, falls seine Versorgung irgendwie mit dem SWR zu tun hatte. Ich bin trotzdem nicht sicher, ob sich das Fernsehen von diesem aufwendig und radikal vollzogenen Befreiungsschlag gegen einen penetranten Störenfried bis heute erholt hat.

Es war nicht der erste Hinauswurf meines Lebens. Die finanziellen Einbußen brachten mich für Jahre ins Schleudern, sie demolierten obendrein meine Altersversorgung: Im Gegensatz zur Rente für gut angepasste DDR-Bürger ist meine wegen jahrelanger Berufsverbote im Arbeiter- und Bauernstaat sowieso erbärmlich. Besonders ernst nahm ich diesen Hinauswurf indessen aus anderen Gründen: Die Schikanen des Ostens hatte ich unter anderem deshalb verkraftet, weil ich eine demokratische Öffentlichkeit für wünschenswert hielt und der marxistisch-leninistischen Form von Volksverblödung mit der Überzeugung entgegentrat: es geht auch anders, und das kann man bei den Anstalten des Westens sehen.

Das war ein Irrtum. Misstrauisch wurde ich spätestens an dem Tag, als der Fernsehdirektor verkündete, man habe „trinkbare Informationen“ zu liefern. Das hat funktioniert. Das Programm ist ein einziges Besäufnis: Bier zum Fußball, Wein – halbtrocken zur Volksmusik, trocken zur Talkrunde –, bunte Cocktails für bunte Serien, nette Filmchen, Prosecco für den Boulevard am Vorabend, süffig! Der Rest ist nur mit viel Schnaps zu ertragen. Vor allem die Gesundheitsratgeber. Süffig. Fast schon ein Glück, dass nicht mehr alle mitsaufen wollen. Die Zeche zahlen sie trotzdem.

Ich bin draußen – ich bin froh. Finanziell geht’s mir schlecht, aber ich habe seit dem Rauswurf drei Bücher veröffentlicht, das vierte ist fertig. Sie gehören nicht zum süffigen Teil des enormen Ausstoßes an Gedrucktem, aber sie sind ihr Geld wert – im Gegensatz zu dem, was mir auch künftig die GEZ abknöpfen wird. Das Beste: meine Leser bezahlen freiwillig.

Samstag, 3. November 2012

Solidarität als Schuldenfalle

Staatswappen MosambikAls Mosambik 1975 aus der portugiesischen Kolonialherrschaft freikam, hatte es schon seit Jahren Verbündete in der DDR: Die SED unterstützte FRELIMO, die Befreiungsbewegung. Nach der Staatsgründung 1977 wurde sie einzige Partei mit marxistisch-leninistischer Ausrichtung, sollte dem Sozialismus auf dem afrikanischen Kontinent beispielhaft voran helfen. Die mosambikanische war nicht die einzige afrikanische Regierung, die unter dem Banner antiimperialistischer Solidarität an der Seite der Sowjetunion und ihrer Satelliten marschierte.

Dass schon 1977 längst nicht mehr "brüderliche Hilfe" im Befreiungskampf, sondern Waffenhandel gegen Devisen den Eifer Ostberliner Funktionäre entfachte, dass es um Milliardenschulden und deren Tilgung mittels afrikanischer Rohstoffe ging, blieb streng geheim. Geschäfte mit Äthiopiens blutigem Diktator Mengistu Haile Mariam etwa sorgten unter dem Motto "Blaue gegen rote Bohnen" dafür, dass die stockende Versorgung mit Kaffee bei der DDR-Bevölkerung nicht weitere Unruhe schürte. DDR-Waffen halfen den Äthiopiern im Krieg gegen das - ebenfalls vom Ostblock aufgerüstete - Somalia.

Mehr über deutsch-deutsch-afrikanischen Waffenhandel unter der Regie von Franz-Joseph Strauß bzw. Alexander Schalck-Golodkowski im Radiofeature "Rohstoffnot und Dschungelkampf - DDR-Politik in Afrika" aus der Reihe SWR 2 "Wissen".

Montag, 24. September 2012

Ikarus mit Bleigürtel

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

"Im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte" ging es mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie "Wolkenzüge" in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils - "Raketenschirm" - lade ich auch ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
"Ikarus mit Bleigürtel" ist der Titel dieses "Literatur-Spiels" - auf das Publikum wartet mehr als nur eine Lesung. So ist es auch in unserer Reihe literarischer Jamsessions: "LebenLesen" hat ein eigenes Weblog.

 

Mittwoch, 20. Juni 2012

Wie das Theater des deutschen Untertanen überlebt

Wiese: Blüten oder nur Heu?
Wiese: Blüten oder nur Heu?
Auch heuer werden Herzen der DäDäÄrr-Nostalgiker wieder höher schlagen, wenn eine der erfolgreichsten Komödien aus der guten alten Zeit – von der DEFA in der Ägide des Stasi-IM- Generaldirektors Hans-Dieter Mäde 1977 verfilmt und mit einem Kritikerpreis belorbeert – Bühnen in Meckpomm zu Zeitmaschinen macht. “Ein irrer Duft von frischem Heu” half den Werktätigen, die Mangelwirtschaft zu ertragen, indem sie über leichtverrenkte, aber partei- oder sonst irgendwie fromme Schauspieler lachen durften. Die Gartenzwerge auf der Bühne passten den Riesenzwergen im Politbüro ins Konzept: folgenlose Massenbelustigung gegen wachsende Zweifel an der Heilsgeschichte des Sozialismus. Honecker, Mittag, Mielke & Co. waren 1977 zwar schon ökonomisch am Ende, aber dank Stasi, Stacheldraht und Selbstschussanlagen gegen Republikflüchtlinge immer noch im Vollbesitz der Macht. Sie entschieden: die Schulden sind erdrückend, aber die Afrikaner helfen uns vielleicht heraus, wenn wir genügend Kalaschnikows und W 50-LKW gegen Kaffee, Kohle und andere Rohstoffe eintauschen, statt harte Dollars zu zahlen. Wenn die Leute Kaffee haben und den irren Duft von kabarettistischen Knallfröschen, geht das sozialistische Wachstum schon irgendwie weiter; nörgelnde Kritiker verduften früher oder später mit oder ohne devisenträchtigen Häftlingsfreikauf aus dem Stasiknast gen Westen. Eigentlich war 1977 schon alles zu verkaufen – Menschen sowieso.
Ich gönne den Untertanen von einst und Untertanen von heute das Vergnügen, über die Riesenzwerge von damals zu lachen, während sie die Verantwortung fürs politische Geschehen – die fürs ökonomische zumal -  den modernen Riesenzwergen überlassen. 1981 habe ich mich geweigert, das Erfolgsstück zu inszenieren, dem Intendanten angeboten, drei Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich wollte Texte schreiben, die in der DäDäÄrr nie veröffentlicht worden wären. Meine Texte interessieren – anders als “Ein irrer Duft von frischem Heu” -  immer noch winzige Minoritäten. Trotzdem weigere ich mich, der Volksbelustigung um der daraus resultierenden Einnahmen willen meine Zeit zu opfern. Der Waffenhandel - der mit Kalaschnikows, der mit Minen, der mit Raketen, der mit Feindbildern - funktioniert zu gut. Weder der irre Duft von frischem Heu noch die Farbe des Geldes können mich betäuben. Manchmal, wenn ich wie in der DäDäÄrr sehr verzweifelt bin, betäube ich mich mit Alkohol. Aber das hilft nur zeitweise. Dann ist der Gestank von Macht und deutschem Untertanengeist wieder da.

Sonntag, 26. Februar 2012

Gustav Horbel und das Überschreiten von Grenzen

Teil 1 der Weblesung zu “Babels Berg”

Im November 1969 macht der Physikstudent Gustav Horbel seltsame Beobachtungen auf einer Fahrt mit der S-Bahn zwischen Berlin-Lichtenberg und Alexanderplatz. Er beginnt, über die Absichten hinter Landkarten nachzudenken.

Wenn sie Lust auf mehr haben – hier kommt die Fortsetzung:

Teil 2 der Weblesung zu “Babels Berg”

Falls Sie interessiert wie’s einem Währungsspekulanten in Ostberlin gehen konnte, dann sehen Sie sich Teil 3 an.

Montag, 13. Februar 2012

Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei hatte zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.1. eingeladen – aus allen Teilen des Romanzyklus wurden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:
Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten - womöglich seit Erschaffung der Welt - die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen - egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig.