Donnerstag, 22. November 2012

System

festung (20)Als der Ostblock wirtschaftlich und moralisch kollabierte, ein Reformer (der einzige) den Sturz des totalitären Sowjetimperialismus besiegelte, verfiel ein Ökonom im Westen auf die Idee, nun sei die Geschichte zu Ende, die beste aller möglichen Welten erreicht. Was für ein Schwachsinn.





Das egozentrische Weltsystem hat eine kalte Sonne
Den Lauf bestimmt ein Teufelskreis
Am Morgen Kind, am Abend Greis
Und zwischendurch sind wir im Gleis
Fühl ’n Schmerzen nicht noch Wonne.
Wir schau ’n auf das Zentralgestirn
Und werden blind dabei
Wir sind schon taub, sind noch nicht stumm
Anbetend kreisen wir und dumm
Um unseren Dutzendstern herum
Und kommen niemals frei.
Um diesen weißen Mittelpunkt
Da ist die Welt sehr leer
Da ist manch elend schwarzes Loch
Aus Angst und Lust, wir kreisen noch
Und finden uns nicht mehr.
Das egozentrische Weltsystem hat sieben harte Schalen
Darinnen sitzt ein Ich und friert
Im Frost und Frust, den’s selbst gebiert
Wenn’s auf die blanken Hüllen stiert
Und spiegelt seine Qualen.
16.7.1985

Donnerstag, 8. November 2012

Wie Wolken weiter ziehen

2012-11-08 15.57.22

Mit dem “Raketenschirm” ist die Romantrilogie “Wolkenzüge” abgeschlossen – aber der Stoff deutsch-deutscher Konflikterfahrung vor und nach dem Fall der Mauer längst nicht ausgeschöpft. Außer den Romanen “Blick vom Turm”, “Babels Berg” und “Raketenschirm” sind Theaterstücke, Erzählungen, Gedichte, Essays, Radiofeatures und Tagebücher entstanden: allesamt keine Texte zur “Vergangenheitsbewältigung”, sondern vergnügliche, widerspenstige, überraschende Versuche, sich auf die Welt von heute und morgen einzulassen – und zwar gemeinsam mit allen, die ihre Wünsche, Träume, Ängste, Erfahrungen mit denen des Autors vergleichen wollen.

Dafür eignet sich ein Weblog, wo Postings und Kommentare den direkten Dialog ermöglichen. Seien Sie willkommen, zögern Sie nicht, Ihre Meinungen, Ideen, Vorschläge hier einzubringen.

Montag, 5. November 2012

Vom Glück der Rauswürfe

Caspar_David_Friedrich_006Natürlich hatten sie vollkommen Recht, die Herren Hauptabteilungs-, Abteilungs- und der kommissarische Redaktionsleiter (er brachte es trotz wirklich beachtlicher Leistungen als Radfahrer nie zum etatmäßigen), als sie mir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Stuhl vor die Tür setzten und meinen Vertrag als “fester Freier” nicht verlängerten: einen Nörgler, Quertreiber, Nestbeschmutzer kann eine Anstalt auf dem Weg zur quotenoptimierten Stromlinienform nicht brauchen.

Das traf mich damals hart, meine Einnahmen schrumpften von 100 auf 30%, obendrein gestaltete die Anstaltsbürokratie das Ende eines solchen “Rahmenvertrags” zu einem juristisch makellos abgesicherten “Ende mit Schrecken” aus: Der Verbannte durfte von keiner anderen Redaktion des Senders beschäftigt werden – das bedeutete: zwischen Trier und Heidenheim an der Brenz, Mainz und Friedrichshafen nahm kein Hund mehr ein Stück Brot von mir, falls seine Versorgung irgendwie mit dem SWR zu tun hatte. Ich bin trotzdem nicht sicher, ob sich das Fernsehen von diesem aufwendig und radikal vollzogenen Befreiungsschlag gegen einen penetranten Störenfried bis heute erholt hat.

Es war nicht der erste Hinauswurf meines Lebens. Die finanziellen Einbußen brachten mich für Jahre ins Schleudern, sie demolierten obendrein meine Altersversorgung: Im Gegensatz zur Rente für gut angepasste DDR-Bürger ist meine wegen jahrelanger Berufsverbote im Arbeiter- und Bauernstaat sowieso erbärmlich. Besonders ernst nahm ich diesen Hinauswurf indessen aus anderen Gründen: Die Schikanen des Ostens hatte ich unter anderem deshalb verkraftet, weil ich eine demokratische Öffentlichkeit für wünschenswert hielt und der marxistisch-leninistischen Form von Volksverblödung mit der Überzeugung entgegentrat: es geht auch anders, und das kann man bei den Anstalten des Westens sehen.

Das war ein Irrtum. Misstrauisch wurde ich spätestens an dem Tag, als der Fernsehdirektor verkündete, man habe „trinkbare Informationen“ zu liefern. Das hat funktioniert. Das Programm ist ein einziges Besäufnis: Bier zum Fußball, Wein – halbtrocken zur Volksmusik, trocken zur Talkrunde –, bunte Cocktails für bunte Serien, nette Filmchen, Prosecco für den Boulevard am Vorabend, süffig! Der Rest ist nur mit viel Schnaps zu ertragen. Vor allem die Gesundheitsratgeber. Süffig. Fast schon ein Glück, dass nicht mehr alle mitsaufen wollen. Die Zeche zahlen sie trotzdem.

Ich bin draußen – ich bin froh. Finanziell geht’s mir schlecht, aber ich habe seit dem Rauswurf drei Bücher veröffentlicht, das vierte ist fertig. Sie gehören nicht zum süffigen Teil des enormen Ausstoßes an Gedrucktem, aber sie sind ihr Geld wert – im Gegensatz zu dem, was mir auch künftig die GEZ abknöpfen wird. Das Beste: meine Leser bezahlen freiwillig.

Samstag, 3. November 2012

Solidarität als Schuldenfalle

Staatswappen MosambikAls Mosambik 1975 aus der portugiesischen Kolonialherrschaft freikam, hatte es schon seit Jahren Verbündete in der DDR: Die SED unterstützte FRELIMO, die Befreiungsbewegung. Nach der Staatsgründung 1977 wurde sie einzige Partei mit marxistisch-leninistischer Ausrichtung, sollte dem Sozialismus auf dem afrikanischen Kontinent beispielhaft voran helfen. Die mosambikanische war nicht die einzige afrikanische Regierung, die unter dem Banner antiimperialistischer Solidarität an der Seite der Sowjetunion und ihrer Satelliten marschierte.

Dass schon 1977 längst nicht mehr "brüderliche Hilfe" im Befreiungskampf, sondern Waffenhandel gegen Devisen den Eifer Ostberliner Funktionäre entfachte, dass es um Milliardenschulden und deren Tilgung mittels afrikanischer Rohstoffe ging, blieb streng geheim. Geschäfte mit Äthiopiens blutigem Diktator Mengistu Haile Mariam etwa sorgten unter dem Motto "Blaue gegen rote Bohnen" dafür, dass die stockende Versorgung mit Kaffee bei der DDR-Bevölkerung nicht weitere Unruhe schürte. DDR-Waffen halfen den Äthiopiern im Krieg gegen das - ebenfalls vom Ostblock aufgerüstete - Somalia.

Mehr über deutsch-deutsch-afrikanischen Waffenhandel unter der Regie von Franz-Joseph Strauß bzw. Alexander Schalck-Golodkowski im Radiofeature "Rohstoffnot und Dschungelkampf - DDR-Politik in Afrika" aus der Reihe SWR 2 "Wissen".