Sonntag, 22. September 2013

Kunst als Überlebensvorteil

Buchtitel zu "Die Evolution der Phantasie"“Was aber  ist Kunst? Wann ist sie entstanden, wie funktioniert sie und welcher Zweck wird mit ihr verfolgt?”

Diese Fragen stellt Thomas Junker an den Anfang seines Buches und geht ihnen aus der Sicht der Evolutionsbiologie nach. Er lehrt ihre Geschichte an der Uni Tübingen, hat etliche Bücher und Artikel zum Thema veröffentlicht, setzt sich mit “Die Evolution der Phantasie – wie der Mensch zum Künstler wurde” eine umfassende Schau seiner Ansichten und Erkenntnisse zum Ziel. Von ihm zitierte Vertreter einer evolutionären Kunsttheorie versprechen sich von diesem Ansatz nicht weniger als eine “geistige Revolution”.

Erfreulicherweise belässt es Junker bei einer verständigen Argumentation, die den finalen Charakter der Kommunikationsprozesse des Menschen zum Kern hat: Kommunikation – egal ob nonverbal oder verbal – ist eine unverzichtbare Strategie des Lebens, und Kunst ist eine besonders ausgeprägte Form. Sie nutzt alle Mittel und Materialien, die Natur und Kultur bereitstellen; der Künstler gewinnt z.B. an Ansehen im sozialen Umfeld, nicht zuletzt an sexueller Attraktivität. Junker erklärt, wie Kunst Schönheit und Wirkung erheischt – auch durch den Bruch ins Hässliche – und wie sie sich dem Luxus verbindet.

Ebenso erfreulich, dass der Autor kunsthistorische und theoriegeschichtlichen Debatten aufscheinen lässt. Der Leser erfährt, welche Widerstände es zu überwinden galt, ehe dem “Geist der Kunst” sein Körper zurückgegeben werden konnte. Neuere Arbeiten aus der Hirnforschung haben dazu beigetragen, die Annäherung von Natur- und Geisteswissenschaften, Einsichten in das Funktionieren der Kunstmärkte. Wer ein Künstler ist, was für Kunst gehalten wird – darüber entscheiden soziale Interaktionen. Parallelen zum Balzspiel sind im Verhältnis zwischen Künstler und Publikum ebenso häufig, wie an Hassliebe, unterwürfige Verehrung, Eifersucht, Abwendung aus enttäuschter Erwartung gebundenes Verhalten: Kunst handelt von und mit Gefühlen, Wünschen, vorgestellten Zielen. Sie ist zugleich Werkzeug und Tätigkeitsfeld, unberechenbar und unvorhersehbar in ihrem Reichtum an Inhalten, Mitteln und Formen.

Thomas Junker erzählt all das kenntnisreich und mit zahlreichen Beispielen, der Leser kann die eigene Kunsterfahrung prüfen und erneuern, wünschte bisweilen, sich mit dem Autor zu streiten – vor allem da, wo weitergehende philosophische Fragen auftauchen. Bis dahin hat er an den Texten schon viel Vergnügen gehabt, denn das Buch ist bei aller wissenschaftlichen Kenntnis durchaus unterhaltsam.

Es ist im S. Hirzel Verlag in Stuttgart erschienen und kostet 24,90 €

Die größte Ermutigung: Ein Leben

Reich-RanickiMarcel Reich-Ranicki hat uns etwas unendlich Kostbares hinterlassen. Es heißt "Mein Leben". Es wiegt alle Milliarden aller Finanzmärkte dieser Welt auf - sie sind dagegen nur verbranntes Papiergeld. Der gleichnamige Film ist ein Juwel in den Müllhalden des deutschen Fernsehens. Er kann keinen Oskar bekommen - das wäre zu wenig. Ein einziger Dialogfetzen darin erklärt den Totalitarismus: "Warum tun sie das?" "Weil sie es können."

Heute war der Film aus dem Jahr 2009 – als Wiederholung und Nachruf anlässlich des Todes dieses Großen  in der ARD zu sehen. Ich würde gern jedem einzelnen Beteiligten sagen, wie dankbar ich für diesen Film bin: ein wunderbares, ermutigendes Zeugnis dafür, wie unentbehrlich Kultur in allen Konflikten der Zukunft sein wird - und wie sie dem Prinzip von Gewalt-Macht-Lust Grenzen setzt.

Ich habe die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2000 auf dem Flug nach Bali gelesen – es war eine Wegscheide meines Lebens. Ich wurde 50, ich begann mit der Arbeit an “Babels Berg”. Bei all  meinen literarischen Bemühungen war dieser Kritiker eine der Stimmen, die hartnäckig nach der Qualität meiner Texte fragten und mich ermutigten.

Schade, dass ich mich mit ihm nicht anlegen durfte: Das wäre ein zu großes Geschenk gewesen. Aber wann immer, wo immer und mit wem immer ich über Literatur reden werde: Er wird dabei sein.